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Wie vom Teufel besessen donnert die versammelte deutsche Fachpresse -
inklusive des Autors dieser Zeilen - aus der Boxengasse. Statt sich vom
schönen Wetter hier in Australien entzücken zu lassen, klemmt
man sich in triefendes Leder und versucht, der Sonne durch möglichst
schnelle Rundenzeiten aus dem Weg zugehen. Da ist es wieder, dieses Racingfieber.
Als hätte man nicht schon vorher auf unzähligen PS-Protzen
gesessen und die auf der Rennstrecke durch die Gegend gescheucht. Zugegeben,
diesmal war der Anlaß auch besondersverlockend. Suzuki ließ
es sich nicht nehmen, die TL 1000 R im sonnigen Eastern-Creek vorzustellen.
Um eines vorab zuklären: Vergleiche mit der leidigen TL 1000 S sollte
man auf keinen Fall anstellen. Die R ist ein völlig neues Motorrad,
das mit der S höchstens das Motorkonzept gemein hat. Mittelfristig
will Suzuki mit der R sogar das Superbikefeld aufmischen.
Nicht von ungefähr bieten die Japaner einen umfangreichen Rennkit
(siehe unten) an. Ein echter Racer soll die Neue also sein. Um so erstaunlicher
die kommode Sitzposition. Offensichtlich dürfen auch Rennfahrer jetzt
besser sitzen. Nur Langbeinigen wird es etwas in den Kniekehlen kneifen.
Auch ein wenig schmaler wünscht man sich den Zweizylinder. Dafür
blubbert der V2 auf Knopfdruck los, als hätte er nur daraufgewartet.
Keine lästigen Vibrationen, keine seltsamen Geräusche. Bloß
das Anfahren ist ein bisserl schwierig. Die Anti-Hopping-Kupplung, der
Mehrleistung der R entsprechend angepaßt, rupft ziemlich erbärmlich.
Allerdings weiß Suzuki um dieses Manko und will bis zum Serienstart
nochAbhilfe schaffen. Im Fahrbetrieb allerdings sollte sich ein jeder
solch eine Kupplung gönnen - einfach klasse: auf die Ecke zufahren,
im allerletzten Moment bremsen und easy die Gänge runterschalten.
Kein Stempeln, rein gar nix. Eigentlich ganz simpel, oder?
Die TL 1000 R ist kein Handlingwunder. Dennoch hat sie das Zeug zu einem
erfolgreichen Superbike. Apropos Verzögerung: Die Stopper aus dem
Suzuki-Regal funktionieren auch an der TL1000 R wunschgemäß.
Gottlob steht vor dem Bremsen das Beschleunigen. Und dafür taugen
zwei Zylinder mit fast 1000 Kubik bekanntlich recht gut.
So auch im Falle der Suzuki. Zwar bleibt der letzte Punch aus, aber man
darf der TL ihre 135 Pferde schon abnehmen. Das Angenehme ist, über
welchen Drehzahlbereich die Gäule verteilt sind: Von 5000 bis11000
Touren geht's vorwärts, und zwar so vehement, daß beim Aufziehen
aus langsamen Kurven alle Vorsicht geboten ist. Allerdings ist das nicht
allein auf die Motorpower zurückzuführen, sondern auch auf die
serienmäßigen Metzeler ME Z3, die sich nicht gerade mit Ruhm
bekleckern. Zur Ehrenrettung mag man die hohen Asphalttemperaturen in
Australien heranziehen, aber an mangelnder Handlichkeit beim Einlenken
ist die Hitze nicht schuld. Vom fehlenden Grip am Hinterrad ganz zu schweigen.Und
das trotz Racing Mischung.
Dafür fällt der 190er Hinterreifen auf der TL recht schmal
aus. Bodenwellen in Schräglage oder gar Spurrillen mag der Pneu allerdings
trotzdem nicht. Aber auch das Motorrad selbst fühlt sich trotz der
handlichen Auslegung etwas träge an.
Beispiele:
Radstand 1395 mm, Lenkkopfwinkel 23°, Nachlauf 90,6 mm. Ob's denn
wirklich nur an den Reifen liegt, oder ob das relativ hohe Gewicht (217
kg vollgetankt) mit der eigenwilligen Verteilung (49%vorn, 51% hinten)
das Lenkverhalten beeinflußt kann erst ein ausführlicher Test
enthüllen.
Für das Gewicht des Bikes hat Suzuki-Deutschland-Mann Bert Poensgen
eine logisch klingende Erklärung. "All die Sachen, die uns am
GSX-R Superbike eher behindern, sind an der TL 1000 R ausgemerzt. So ist
der Rahmen der TL zwar deutlich schwerer, aber dafür auch deutlich
stabiler ausgefallen, als es bei dem hyperleichten Vierzylinder der Fall
war. Das Mindestgewicht erreichen wir in der Superbike-Klasse dennoch
spielend.
Gespannt darf man sein, wie Suzuki im Renneinsatz mit dem sensiblen Flügeldämpfer
klarkommen wird. In Australien reagierte dieses Bauteil prompt auf Veränderungen,
doch die Dämpfung blieb nach mehreren heißen Runden nicht konstant.
Zwar hat sich Suzuki ein System ausgedacht, das den Dämpfer automatisch
an veränderte Temperaturbedingungen angleicht, aber auch dieses Spiel
hat Grenzen.
Ungeachtet der leisen Kritik ist die TL 1000 R ein gestandenes Sportbike.
Hoffen wir, daß das Serienmodell halten kann, was diePräsentationsmaschine
versprochen hat. Den Lenkungsdämpfer gibt es jedenfalls zum Serienanlauf.
Ducatisti müssen sich nun überlegen, ob sie wirklich noch so
viel Geld ausgeben wollen oder sich besser für nicht einmal 20 Braune,
die R-Suzuki zulegen.
Und
für die, die's wirklich ernst meinen: Suzukis umfangreicher Rennkit
fiir die R. Ist aber kein Schnäppchen. Wenn man es den wirklich auf
die Spitze treiben möchte, genügt ein Anruf in Heppenheim und
schon liegt der Rennkit auf dem Tresen. Allerdings sind dafür dann
auch ca. 140 000 Mark zu blechen.
Die Fotos rechts zeigen längst nicht alles, was der Kit zu bieten
hat. Außerdem gibt's natürlich auch noch die passende Leichtbau-Verkleidung
sowie einen abgespeckten Kabelbaum.
Auffällig ist, daß dieKit-Schwinge nicht über jene stabilen
Unterzüge verfügt, wie sie das Serienbauteil aufweist. Offensichtlich
genügt eine
"normale" Schwinge genauso den Stabilitätsansprüchen.
Dafür wird Platz für den dichter am Motorrad verlegten Auspuff
gewonnen.
Ansonsten macht der Kit den Eindruck, als könne man sich daraus
ein neues Motorrad zusammenbasteln.
Dennoch - der Ansatz ist nicht schlecht: ein relativ preisgünstiges,
für jedermann käufliches Serienmotorrad, das sich mit den nötigen
kostspieligen Teilen in ein mindestens 150 PS starkes Rennbike verwandeln
läßt. So hat der Kunde das Gehühl, er könnte zuschlagen,
sobald er Omas Erbe auf dem Konto liegen hat.
Wer nicht den kompletten Kit erwerben möchte, kann laut Suzuki
Deutschland auch Einzelteile bestellen. Das ein oder andere Teil wird
mit
Sicherheit demnächst auch bei Racing-Spezialisten etwas preisgünstiger
zu bekommen sein. Hoffen wir zumindest.
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