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Die Fehler:
Einige Passagen, die mir aufstoßen sind nicht unbedingt falsch,
wie z.B. der erste Satz. Bezieht man ihn nur auf den ersten Absatz,
in dem es um die Problematik der Sekundärübersetzung und
damit die Kettenkräfte (die Jo Soppa im Folgenden unterschlägt)
geht, ist er sicherlich richtig. Die Schwierigkeiten resultieren
aber aus dem Zusammenspiel von Federung, Dämpfung und dynamischen
Lastzuständen an der Schwinge, nicht aus der reinen Geometrie.
Die meisten Leser werden diesen Satz jedoch so aufgefasst haben,
daß die Kräfte an der Schwinge bisher nicht verstanden
wurden und das ist einfach nur falsch. Die Werkzeuge diese Kräfte
zu berechnen hat uns Sir Isaak Newton schon vor 300 Jahren in die
Hand gegeben und die Kraefte sind seit Einführung der Hinterradschwinge
bekannt.
Eine weitere solche Passage ist die Definition des "mechanischen
Grips" als bestmögliche Anpressung des Hinterrads, was
absolut korrekt ist. Im folgenden fährt Herr Soppa aber den
Leser auf die Schlußfolgerung, daß ein Ausfedern der
Schwinge den Druck am Hinterrad erhöhen würde. Das ist
aber falsch. Er vernachlässigt dabei Newtons 3. Satz, das Reaktionsprinzip
"actio gleich reactio", oder auch "jede Kraft muss
sich irgendwo abstützen". Das kann die Kraft, die die
Schwinge nach unten drückt, aber nur am Motorrad, also dessen
Gewichtskraft. Der Effekt ist dann, dass sich das Heck des Moppeds
hebt, wie man an Kardanmoppeds ohne Momentstütze gut beobachten
kann. Im Endeffekt verlagert sich dabei sogar der Schwerpunkt des
Moppeds nach vorne und entlastet das Hinterrad, führt also
zu einem geringeren Gewicht am Hinterrad und damit einem geringeren
Anpressdruck. Zumindest wenn man es statisch betrachtet, auf die
dynamischen Vorgänge komme ich später.
Was die Radkräfte in Abhängigkeit von der Schwingenstellung
machen beschreibt Soppa ganz nett und richtig mit der "stählernen
Faust", er vernachlässigt aber dabei die deutlich höheren
Kettenkräfte. So wie er es beschreibt ist die Schwingenreaktion
bei Horst Leitners ATK, das er später in völlig falschem
Zusammenhang bringt.
In den Zeichnungen auf S.15 oben sind die Kräfteverhältnisse
zwischen Radkraft und Kettenkraft falsch dargestellt. Addiert man
die Kräfte entsprechend der Zeichnung korrekt, ergibt sich
für das erste Bild, dass die Schwinge ziemlich genau am reaktionsfreien
Punkt angelangt ist, eine Einfederkraft wie im Text darunter beschrieben
existiert da nicht.
Das Bild der Zugbrücke, bzw. des Maibaumes für die Kettenkräfte
ist falsch (zumindest fast). Es wäre richtig, wenn die Zugkraft
der Kette in die Schwinge eingeleitet würde, was nur bei blockiertem
Rad der Fall ist. Glücklicherweise für unsere Fortbewegung
ist das Rad aber drehbar gelagert, die "Zugbrücke"
wirkt nur auf die Lagerreibung (daher oben: fast), die man für
die Schwingenreaktionen aber getrost vernachlässigen kann.
Nebenbei: Bei Hinterrad-Bremsen die sich an der Schwinge abstützen
ist dieser Zugbrücken-Effekt bei Bremsen dagegen recht gut
spürbar.
Richtigstellung:
Die Kräfte:
Um die Kräfte an der Schwinge zu verstehen helfen die Zeichnungen
auf S.15 oben.
Im Prinzip passiert folgendes: Die Kette zieht mit einer Kraft
"f" am Hebel des Kettenrads "r" und bewirkt
damit ein Drehmoment mtf*r (eigentlich das Kreuzprodukt, das spielt
bei der gegebenen Geometrie aber keine Rolle) um die Radachse. Diesem
Drehmoment stellen sich nun verschiedene Momente entgegen: Die Lagerreibung,
das Massenträgheitsmoment des Rades, der Schlupf und die Radkraft,
die sich am Boden über die Reibung abstützt. Die Lagerreibung
stützt sich am Radlager in der Schwinge ab, verursacht dort
ein Drehmoment, das Herrn Soppas Zugbrücke entspricht. Die
Massenträgheit geht in die Rotationsenergie des Rades, der
Schlupf wird in Wärme am Reifen umgesetzt.
Wenn ich nun mal die Reibung, den Schlupf (kein Burnout!) und das
Trägheitsmoment vernachlässige, bleibt nur das Drehmoment
"M" der Radkraft "F", das am Radius "R"
des Rades wirkt. MtF*R. Da beide Drehmomente gleich sind, das Kettenrad
ist ja am Rad verschraubt, ergibt sich F*Rtf*r oder Ftf*r/R. Die
Radkraft hängt also vom Übersetzungsverhältnis zwischen
Kettenrad und Reifen ab. Für ein 40'er Kettenrad mir 5/8"-Kette
(5xx) ergibt sich ein Radius 'r' von 101mm, ein 180/55 17"-Reifen
hat einen Radius 'R' von 314mm. Die Zugkraft in der Kette ist also
etwa 3 mal so groß wie die Vortriebskraft am Reifen.
Diese zwei Kräfte wirken nun also am Rad und ziehen (Kette),
bzw. drücken (Radaufstandpunkt) es nach vorne. Das Rad ist
aber an der Schwinge befestigt und drück daher diese nach vorne,
die wiederum das ganze Mopped.P
Kräfte sind aber nun mal vektorielle Größen, haben
also einen Betrag und ein Richtung. Man stellt sie am einfachsten
als einen Pfeil dar, dessen Länge dem Betrag enspricht. bei
der Addition von Kräften verschiebt man die
Pfeile einfach parallel, so dass der Anfang des zweiten Pfeils
am Ende des ersten liegt. Die Gesamtkraft ist dann ein Pfeil, der
am Anfang des Ersten beginnt und zur Spitze des Zweiten zeigt.
Man muss daher die Zugkraft der Kette und die Schubkraft am Rad
vektoriell addieren. Die Resultierende zerlegt man wiederum in eine
Komponente entlang der Schwingenachse, denn nur in diese Richtung
kann die Schwinge das Mopped anschieben, und die Senkrechte dazu,
die zu einer Drehbewegung an der Schwingenachse führt.
Betrachtet man die Kräfte erst mal einzeln, so ergibt sich
für die Radkraft genau der von Soppa beschriebene Effekt. Bei
ausgefederter Schwinge nimmt die Ausfederkraft zu, bei eingefederter
Schwinge entsprechend die Einfederkraft.
Bei ATK verläuft die Kette immer exakt parallel zur Schwinge,
die Zugkraft also genau in Richtung der Schwinge und erzeugt damit
kein zusätzliches Moment. Bei normaler Anordnung mit kleinem
Ritzel und großem Kettenrad läuft die Kette aber vorne
näher der Schwinge, die Kettenkraft bewirkt daher eine Kraft
nach unten, die die Schwinge ausfedert. Durch den üblichen
Versatz von Ritzel und Schwingenachse kommt dann dazu, dass die
Kette gegenüber der Schwinge im ausgefederten Zustand steiler
verläuft, also eine größere Ausfederkraft bewirkt,
im eingefederten Zustand dagegen flacher, mit mehr Abstand von vorderen
Schwingenteil, und damit einer geringere Ausfederwirkung hat. Eine
einfedernde Wirkung der Kettenkraft würde sich aber erst dann
ergeben, wenn die Kette vorne mehr Abstand zur Schwinge hat, als
hinten, was praktisch nie der Fall ist.
In der Summe der Kräfte bedeutet das nun, dass es einen Punkt
gibt, an dem sich bei beschleunigen tatsächlich eine Einfederung
ergibt. Dieser Punkt liegt aber weit im eingefederten Zustand, üblicherweise
nicht mehr im Federbereich heutiger Konstruktionen. Selbst wenn
er noch im Federbereich liegen würde, wäre die Federung
bei den heutigen Systemen so stark in der Progression, dass die
ab diesem Punkt nur langsam anwachsende Einfederkraft keine merkliche
Wirkung zeigen würde.
Wirkung:
Wir haben also aufgrund der Schwingenstellung und Kettenkräfte
beim Beschleunigen immer eine ausfedernde Kraft, die aber von der
Stellung abhängt und mit zusätzlicher Ausfederung zunimmt.
Wie bereits geschrieben ist der Anpressdruck des Rades an den Boden
immer nur durch die Gewichtskraft, die auf das jeweilige Rad wirkt,
gegeben. Eine zusaetzliche Ausfederkraft wirkt daher genau so, also
ob am Federbein eine härtere Feder montiert wäre, die
allerdings eine degressive Charakteristik aufweist und mit der Einfederung
immer weicher würde.
Fahrdynamik:
So und nun sind wir beim Casus Knacktus angelangt. Es geht, wie
im Artikel richtig beschrieben, um das optimale Anpressen des Rades
beim Beschleunigen und das ist dann gegeben, wenn das Rad optimal
Bodenkontakt hält. Auf einer topfebenen Piste ist das kein
Problem, da bräuchte man gar keine Federung, aber reale Pisten
sind uneben. Das Rad muss diesen Unebenheiten optimal folgen, dann
kann es auch Vortriebskraft übertragen. Der Schlüssel
dazu sind geringe ungefederte Massen und eine Federung/Dämpfung
die feinfühlig anspricht und im optimalen Bereich arbeitet,
also genug Positiv- und Negativfederweg zur Verfügung stellt.
Ein Mopped wiegt so um die 200kg, dazu Fahrer und Klamotten, macht
rund 280kg, die sich statisch etwa 50%/50% nach vorne und hinten
verteilen. In diesem statischen Zustand wird nun auch die Federung
optimal auf etwa 30% Negativfederweg eingestellt. Gibt man nun kräftig
Stoff, dann setzt eine dynamische Lastverteilung von vorne nach
hinten ein, die bis zu 100% Hinterradlast gehen kann (Wheelie).
Statt mit 140kg wird das Hinterrad nun mit 280kg beaufschlagt und
drückt die Feder zusammen wie ein 140kg Sozius. Die Federung
geht tief in die Progression, wird steinhart und stellt kaum mehr
Positivfederweg zur Verfügung. Nicht besonders gut für
den Gripp, gelle. Und genau hier kommt nun die Wirkung der Ketten
und Radkräfte ins Spiel. Je stärker man am Kabel reißt,
desto mehr Last verschiebt sich nach hinten und desto stärker
wirkt die Ausfederkraft des Antriebs. Bei guter Auslegung bleibt
die Federung im optimalen Bereich und kann das Rad gut auf der Straße
halten. Problem dabei ist allerdings, dass eine härtere Feder
(und nix anderes ist ja die Ausfederkraft) eigentlich auch mehr
Dämpfung erfordern würde, aber eine beschleunigungsabhängige
Dämpfung gibt es derzeit wohl nicht auf dem Markt. Man behilft
sich wohl häufig damit, dass man die Schwinge etwas flacher
anstellt, was dann beim Gasgeben zu einer leichten Einfederung führt,
aber die Federung noch nahe des optimalen Bereichs. Durch die progressiven
Hebeleien wird dann der Dämpfer in diesem Bereich stärker
bewegt und erzeugt eine etwas höhere Dämpfungskraft.
Und damit nicht genug kommt nun noch ein fahrdynamischer Effekt
dazu. In der Schräglage wirkt noch die Zentrifugalkraft, die
das Mopped noch mehrauf die Straße presst. Bei 45° Schräglage
ist die Anpresskraft um den Faktor 1.4 größer als bei
Gradeausfahrt. Zieht man noch recht schräg am Kurvenausgang
das Gas auf, dass das Vorderrad leicht wird, dann trägt die
Hinterradfederung plötzlich statt der 140kg im Statischen nun
über 350kg! Um hier die Federung in den optimalen Bereich zu
bekommen braucht man schon deutlich mehr Anstellwinkel der Schwinge
und damit ein höheres Ausfedermoment.
Fazit:
Meiner Erfahrung nach sind die meisten Schwingen ab Werk etwa so
ausgelegt, dass sie beim Beschleunigen auf grader Strecke im guten
Bereich bleiben. Wer auf der Rennstrecke in heftiger Schräglage
früh beschleunigen will tut gut dran etwas über die Höherlegung
nachzudenken. Kehrseite ist dann eine stärkere Ausfederbewegung
auf der Graden. Man braucht sich dann nicht wundern wenn auf der
Landstraße, beim flotten Überholen einer Autokolonne,
plötzlich der Negativfederweg aufgebraucht ist und das Hinterrad
wilde Sprünge macht. Auf dem Racetrack ist dann noch die Dämpfung
das Problem, wenn sie beim Beschleunigen in Schräglage passt,
ist's auf der Graden überdämpft. Tja, die Welt besteht
aus Kompromissen. Und solange das Serienfederbein nicht schon halbegs
gut funktioniert und noch ein paar Dämpfungsreserven hat hilft
auch keine Höherlegung, im Gegenteil kann das die Probleme
noch verstärken.
Schlussbemerkung:
So, soweit kann ich's mir aus meinen Physikkenntnissen zusammenreimen,
genauere Auskünfte kann bestimmt ein Fahrzeug-Ing. geben. Ich
hoffe den meisten Lesern wird nun auch Jo Soppas erster Absatz verständlicher,
warum die Superbiker inzwischen eine Übersetzungsänderung
kitzelig finden. Aber die haben eben auch schon so saugute Federelemente,
so dass sich dann eine Variation der Kettenkraft bemerkbar macht.
Verstanden sind die Kräfte jedenfalls schon lange (außer
von Herrn Soppa), den idealen Kompromiss (ein Paradoxon ;-)) zu
finden ist aber das Geheimnis.
Michael
--
http://www.taunus-biker.de/~mdvp
RRR#85
Duc 750SSN: rot&schnell, 780ccm, h.c,
Sil, K&N, Keihin FCR39, 117dB
DR 350 SHC: rost&cross, 385ccm, h.c.,
K&N, Dell'orto PHF36
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